Gehirnmodell
Unser Gehirn-, Geistsystem ist die komplexeste Organisation, die im Universum bekannt ist. Der Geist, der aus den Aktivitäten des Gehirns entsteht, verfügt über viele verschiedene Verarbeitungsmethoden und Ausdrucksweisen. Auf einer sehr grundlegenden Ebene haben wir die verschiedenen Wahrnehmungssysteme, auf einer weiteren Ebene befinden sich die unterschiedlichen Arten von „Intelligenzen“ (räumliche, kinästhetische, soziale, sprachliche, mathematische, musische…). Wie wir wahrnehmen wirkt sich unmittelbar auf unser Verhalten aus. Als Organismen mit Eingabe- und Ausgabewegen haben wir Gehirne, die dazu ausgelegt sind, Daten von der Welt aufzunehmen, sie innerlich zu verarbeiten (Kognition) und dann eine entsprechende Antwort in Gang zu setzen: Eingabe – interne Verarbeitung – Ausgabe. Das ist eine einfache Beschreibung für die Rolle des Gehirns und des gesamten Nervensystems.
Durch die konsequente Verfolgung und Umsetzung vom Wissen des Gehirnmodells setzt die Praktische Pädagogik neue Prämissen im Erziehungsbereich. Sie würdigt in ihrer Vorgehensweise, insbesondere auch durch die Evolutionspädagogik die natürlich vorgegebene Ordnung der geistigen Entwicklung und zeigt wie ein GPS aus übergeordneter, sozusagen himmlischer Sicht eine Landkarte mit effektiven Wegen für den Erzieheralttag. Sie nimmt die Position des Beobachters ein, die Meta-Ebene, in der der Geist den Geist betrachtet.
 
Um Lernprozesse besser verstehen und unterstützen zu können, um Lernblockaden auflösen zu können, bedient sich die Praktische Pädagogik des Gehirnmodells, welches sich auf der Forschungsarbeit des Neurowissenschaftlers Paul MacLean begründet.
 
Über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg spürte er und seine Mitarbeiter den drei neuronalen Systemen (also Nervensystemen) in unserem Kopf und Gehirnstrukturen nach - den drei Haupttiergruppen der Evolution:
 
  •  Reptilien – Hinterhirn – ältestes Gehirn (gut entwickelt bei normaler Geburt)
 
das R-System besteht aus unserem sensomotorischen System, der Wirbelsäule, einem Netzwerk von Nervenenden und neuronalen Verbindungen,
funktioniert gewohnheitsmäßig, schnell und reflexhaft,
verfügt über Täuschungsmanöver bei Bedrohung, Regulierung von Herzschlag, Atmung, Hunger, Wach- und Schlafzeiten,
Kampf-, Flucht- und Einfrierreaktionen, primitives Sehvermögen – hell/dunkel, reagiert reaktiv, gibt Bewusstsein von der äußeren Welt der Sinne,
arbeitet gegenwartsbezogen
 
  •  altes Säugegehirn – limbisches oder emotional-kognitives Gehirn Mittelhirn
 
Die Sinne des Riechens und des Hörens sind hinzugefügt, ebenso die angeborene Intelligenz, sich um den Nachwuchs zu kümmern und Bindungsverhalten aufzubauen, Grundlage für Beziehungen – Wahrnehmung von der Welt „wir müssen uns beziehen“. Der Herdentrieb und Teamwork sichern das Überleben.
Affekt und inneres Empfinden von Gefühlen werden erzeugt. Das Mittelhirn gibt Bewusstsein von unserer inneren subjektiven Welt sowie ein Gefühle zu der äußeren Welt und ihrer entsprechenden Beziehung. Dieser Blickwinkel ermöglicht es einem Kleinkind „außerhalb“ des sensomotorischen Gehirns zu stehen, es kann sich auf seine Welt als Objekt beziehen, anstatt nur reflexhaft auf Sinneseindrücke zu reagieren („Übergangsobjekt“ wie die Brust der Mutter, der eigene Daumen, das Kuscheltuch oder Kuscheltier unterstützen diesen Prozess der differenzierenden, trennenden Wahrnehmung. Das Kind lernt zu unterscheiden zwischen ich / du.)
Das limbische System arbeitet gegenwarts- und vergangenheitsbezogen,
gibt uns das Immunsystem, die Selbstheilungskräfte des Körpers, den Biorhythmus. Der in ihm liegende Hypothalamus überwacht den Hormonhaushalt.
Es besteht eine direkte Verbindungen zum Herzen, zur Amygdala und dem Hippokampus, die in die Funktion der Erinnerung eingreifen.
Lernen und Erinnern sind emotionale, kognitive Funktionen und das neuronale Muster eines spezifischen Lernvorgangs schließt die Erinnerungsmuster jener emotionalen Hormone ein, die im Körper zum Zeitpunkt jenes Lernprozesses am stärksten ausgeschüttet wurden.
Emotionen werden ebenso Teil des erlernten Musters wie das erlernte Material – Körper, Gehirn und Herz reagieren über die Zeit entsprechend: bei Abrufung des Lerninhalts werden die eingespeicherten Hormone ausgeschüttet.
 
Das limbische System kann seine beiden Nachbarn, das niedere R-System und den höheren Neokortex zu fokussierter Aufmerksamkeit (Konzentration auf das zu Lernende ) zusammenbringen.
Bei positivem emotionalem Zustand findet eine Koppelung von Gedanken, Gefühlen und Handlungen zu einer Einheit statt. Diese Energien unterstützen dann das intellektuelle und kreative Vorderhirn und wir können leicht lernen und uns erinnern. Jede Art von negativer Reaktion von Angst oder Zorn verlagert unsere Aufmerksamkeit und Energie von unserem verbal-intellektuellen Gehirn auf unser ältestes Überlebensgehirn – wir haben dann keinen vollen Zugang zu höheren Intelligenzen!! Wir reagieren auf der primitiveren Ebene, der natürlichen, tierischen unbewussten Ebene. Wenn wir unsicher, besorgt, unentschlossen und angespannt sind, kann der Fokus der Aufmerksamkeit zwischen den drei Gehirnen, von denen jedes seine eigenen Pläne hat, geteilt werden, so dass wir ein Ding denken, ein anderes fühlen und aus Impulsen heraus handeln, die sich von beiden grundlegend unterscheiden (ADHS-Syndrom)!
Diese Verlagerung der Energie trickst unseren Intellekt aus und der Neokortex kann im Dienst unseres niedrigsten Gehirns gefangen sein.
 
  •  neues Säugetiergehirn – Neokortex (Funktionen bei Geburt noch kaum entwickelt)
 
Der Kortex ist der äußere Teil des Gehirns, der beim Menschen am größten ist. Er nimmt 5mal mehr Raum ein als die beiden anderen Gehirne und besteht aus einigen hunderten Milliarden Neuronen, die Felder für koordiniertes Handeln schaffen. Grenzenloser Input von außen ist möglich – Phantasie und Gedanken im Inneren, Bewusstsein von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies führt das „was wäre, wenn“- Syndrom ein, das sich Sorgen machen, im Kreis denken. Auf der anderen Seite besteht die kreative Vorstellungskraft – Grundlage für organisiertes Denken und Handeln, Imaginationen, die Dynamik von Schöpfer und schöpferischem Produkt – die Grundlage für höhere Intelligenzen und höhere intellektuelle Leistungen.
 
Rechte und linke Hemisphäre
 
Beide Seiten haben sich über Jahrmillionen aus den asymmetrischen Nervensystemen niederer Tiere (Echsen, Frosch…) entwickelt und sind ziemlich verschieden voneinander. Diese Verschiedenheit bietet größeres Potential in der Aufnahme und Verarbeitung von Reizen.
Die beiden physisch getrennten Seiten des menschlichen Gehirns sind durch Stränge aus Nervengewebe, dem Corpus Callosum oder Balken genannt, miteinander verbunden. Diese Trennung lässt beide Seiten relativ unabhängig voneinander funktionieren und ermöglicht recht unterschiedliche Arten der Informationsverarbeitung. Durch das Hin- und Herleiten, der Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften, wird eine integrierte Form der neuronalen Verarbeitung möglich, durch die das Gehirn höhere Funktionsebenen erreichen kann. Durch die neuronale Integration entsteht eine Öffnung zur geistigen Ordnung, der grenzenlosen Kraft der Gedanken, der Seelen-Geist-Kräfte!
Meister Eckehart:
“Wenn das Höhere das Niedere in seinen Dienst stellt, wandelt es das Wesen des Niedern in das Höhere um“. Das ist der Schlüssel, den der Bauplan der Natur für unsere Biologie bereithält – eine Biologie der Transformation
 
Arbeitsmodus der rechten Hemisphäre (ist in den ersten zwei / drei Jahren aktiver und weiter entwickelt)
 
nonverbal, ganzheitlich, visuell-räumliche Vorstellungskräfte, erfasst das Körperschema, spontane und intelligente Reaktion auf neue, unbekannte Situationen, emotional, offen, empathisch, soziales Verständnis, Stressmodulation – ist mit dem limbischen System verbunden
 
Arbeitsmodus der linken Hemisphäre
 
- lineare, logische und Sprach-Verarbeitung, analytisches, assoziatives Denken,
- Gedanken können Flügel bekommen, übernimmt aber auch die Kontrolle über das gewohnheitsmäßige Lernen und Routineoperationen
- kann außerhalb der engen Grenzen der beiden niederen Gehirne stehen
- objektive Betrachtung aller Faktoren und entsprechende Interpretierung, gemäß der allgemeinen Konditionierung bzw. dem Erlernten
- der brillante Denker kann jedoch ohne Intelligenz sein, denn Intelligenz ist eine Bewegung zum Wohlbefinden hin, die durch das Herz und das limbische System sowie durch ihre Verbindung zur rechten Hemisphäre gesteuert wird
- steht in Verbindung mit dem Präfrontalkortex, der wiederum eng mit jeder Facette des Gehirns verbunden ist. Aus ihr entspringt der Drang nach Neuem, der Forschergeist, die Kreativität, die Kraft über Grenzen hinausgehen zu wollen ebenso wie der Sinn des Lebens.
 
Unsere drei Gehirne entwickeln sich intrauterin als verschachtelte Hierarchie in der Reihenfolge ihres Erscheinens in der Evolution: das Reptiliengehirn nimmt seine Funktion im ersten Drittel der Schwangerschaft auf, das alte Säugetiergehirn im zweiten und der Neokortex im dritten Drittel. Der neueste Zusatz der Natur, ist der
 
  •  Präfrontalkortex - die vorderen Stirnlappen (jüngste Zusatz 40 000 Jahre)
 
Er entwickelt sich in seiner primären Stufe bald nach der Geburt und zwar in rapider Geschwindigkeit.
Mit ca. 15 Jahren ist das dreifache Gehirn weitgehend ausgereift und stabilisiert sich. So muss die vollständige Entfaltung des menschlichen Gehirns - dieser letzte präfrontale Zusatz - die Fertigstellung des Fundaments, die Ausreifung
der drei Gehirne abwarten, auf dem er stehen wird. Erst dann beginnt die zweite Phase des präfrontalen Wachstums, eingeleitet durch Ausschüttung von neuem neuronalem Material.
Dieser Aspekt wurde erst Ende der achziger Jahre entdeckt und wird weiter erforscht!
Der Präfrontalkortex ist auf jeden Fall zutiefst integrativ. Er verbindet über weite Strecken verteilte Bereiche und bewirkt dort ein weites Spektrum von mentalen und physiologischen Ergebnissen. Diese Bereiche sind in der Lage, das ausgedehnte Nervensystem, ja sogar die Feuermuster der neuronalen Systeme anderer Individuen zu einem Ganzen zu vereinen (Spiegelneuronen). Das ist die Definition von neuronaler Integration, der Spezialität dieser Regionen. Sie schafft Koordination, Balance und führt in höhere und übergeordnete Funktionen. Die Interaktion zwischen diesen wichtigen Regionen erzeugt einen höchst komplexen Zustand, der uns befähigt, auf die Körperregulation, die emotionale Ausgeglichenheit bis hin zur Empathie und das moralische Verhalten Zugriff zu haben und eine Führung aus der Quelle unseres menschlichen Seins übernehmen zu können. Die Begrenzungen, Zwänge und die Mängel des früheren Nervensystems können überschritten werden, wenn die entsprechenden genetischen Möglichkeiten durch die Interaktion im praktischen Leben mit der in uns angelegten Fähigkeit stimuliert werden, und zwar zu dem Zeitpunkt, für den die Entwicklung der jeweiligen Fähigkeiten vorgesehen ist. Aus diesem Grunde kann ein Baby oder ein Kind einem anderen nicht als Vorbild dienen. Ein Vorbild kann nur jemand sein, der vollständig in der Lage ist, etwas zu tun oder sich auf eine bestimmte Weise verhält. Wird dieser „Modellimperativ“ nicht erfüllt, hält die Umgebung nicht die notwendigen Stimuli für die Aktivierung präfrontaler Neuronen bereit – dann können sich die Präfrontale nicht wie geplant entwickeln. Der Plan der Natur nimmt sich keine Auszeit, wenn die Umgebung des Kindes nicht angemessen auf seine Bedürfnisse reagiert oder durch immer mehr technisches Vorgehen uns von unserer Natur abtrennt.
 
Dieses vierte evolutionäre System wurde von Paul MacLean – „Engelslappen“ genannt, denn er schrieb ihnen alle „höhere menschliche Tugenden“ wie Liebe, Mitgefühl, Empathie und Verständnis zu ebenso wie alle fortgeschrittenen intellektuellen Fähigkeiten. Seine Aufgabe ist es, die Aktivität in anderen Teilen des Gehirns anzuregen oder zu hemmen. Elkhonon Godberg zeigt auf, wie hochgradig komplex sich die Vernetzung zwischen den Frontallappen und allen anderen Bestandteilen unseres Gehirns sich gestalten und betont, dass die Gefahr einer Schädigung um so größer ist, je fortgeschrittener ein evolutionärer Baustein oder Lappen ist „verpasse einen Entwicklungsschritt und die gesamte Struktur ist gefährdet“ (Teilleistungsstörungen).
Die Entwicklung der Präfrontallappen verläuft synchron mit und durch ihren Einfluss auf die Entfaltung der früheren evolutionären Systeme und gleichen sich ihnen an. Ihre primäre Aufgabe ist es, jeden Baustein bzw. Lappen des dreifachen Gehirns in seiner der Reihe nach stattfindenden Entwicklung anzuleiten und in einen zivilisierten Geist zu verwandeln, zu trasformieren. Sie hat also Zugriff zu allen Bereichen und integriert alle Gehirnregionen!
 
Die Verbindung zwischen dem vordersten Abschnitt der Präfrontallappen (die sich im ersten Lebensjahr gebildet haben) und dem höchsten Bereich des emotionalen alten Säugetiergehirns ist die Orbitofrontalschleife (weil sie sich hinter der Orbita, der Augenhöhle befindet). Sie ist dafür verantwortlich, die Beziehungsfähigkeit einer Person und ihre geistigen Fähigkeiten im Leben zu bestimmen. Sie entsteht, unmittelbar bevor das Kind auf eigenen Beinen stehen kann, um die große, weite Welt jenseits des heimischen „Nests“ zu erforschen. Neuronales Material wird im Gehirn sozusagen bereitgestellt für die emotionalen Prägungen, „Wissenskonstruktionen“ und Beziehungen, die das Kind in seinem zweiten Lebensjahr zu etablieren hat. Jean Piaget (Biologe und Kinderpsychologe) hat den Begriff Wissenskonstruktion geprägt und er wies darauf hin, dass unmittelbare sensomotorische Erfahrungen des Kindes für den Aufbau neuronaler Kognitions- und Lernkonstruktionen notwendig sind. Allan Schore erklärt, warum der emotionale Zustand während dieser Zeit der Welterforschung den Ausschlag darüber gibt, ob die Orbitofrontalverbindung geschaffen und genutzt wird oder weitgehend verloren geht. Er beschreibt, wie die Orbitofrontalverbindung von der Fürsorge abhängt, die ein Kleinkind bekommt, und wie das wiederum für das ganze Leben die Weltsicht des Kindes prägt, ebenso wie seine geistige Einstellung, sein Selbstgefühl, seine Impulskontrolle und die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen zu unterhalten.
 
In der Mitte der Adoleszenz gliedert sich der Präfrontalkortex unserem niederen Reptilieninstinkten an. Diese könnten sich in der Folge zu transzendenter Macht umwandeln. Dieses neuronale Wachstum hat seinen Höhepunkt mit 18 Jahren und ist erst mit 21 Jahren abgeschlossen. Wenn eine höhere Neuralstruktur in unserm Gehirn ihr Wachstum vollendet hat und vollständig zu funktionieren beginnt, dann eröffnet sich uns eine neue Form von Realität und eine größere Welt. Unser Repertoire erweitert sich dahingehend, dass uns vollkommen neue überdimensionale Verhaltensweisen und Fähigkeiten zur Verfügung gestellt werden, wenn die entsprechenden Anregungen und Anreize in der Umwelt vorhanden sind.
 
Durch die integrale Funktion des Präfontals entwickeln sich also Fähigkeiten wie: Körperregulation, eingestimmte Kommunikation, emotionale Ausgeglichenheit, Reaktionsflexibilität, Empathie, Einsicht, Angstmodulation, Intuition, Moral…
Fähigkeiten, die für die Lösung unserer zunehmenden Konflikte in einer globalen Welt dringend gebraucht werden!!!