Philosophie
 
Philosophie, lat. philosophia, wörtlich „Liebe zur Weisheit“ bzw. „zum Wissen“.
Sophia bezeichnete ursprünglich jede Fertigkeit oder Sachkunde, auch handwerkliche und technische. In der Philosophie wird versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen. Es gibt verschiedene philosophische Disziplinen: Natur Philosophie, Theoretische Philosophie, Praktische Philosophie, neuere Disziplinen ……unter anderem die Philosophische Mystik. Ein Vertreter davon ist Ken Wilber mit seiner „Integralen Vision“
 
Die Anfänge überlieferten Denkens von abendländischen westlichen Philosophen gehen bis auf das 6. vorchristliche Jahrhundert zurück.
Thales von Milet (um 620-540 v. Chr.) versuchte als „erster Denker“ das Wesen der Welt zu erklären, ohne sich dabei auf Götter, wie der Dichter Homer sie schildert, zu berufen. Er ging von einem allgemeinen, allem zu Grunde liegenden Prinzip aus – eine Idee, die auch auf die Methodik der modernen Wissenschaft zutrifft.
 
In der antiken Philosophie entfaltete sich das systematische und wissenschaftlich orientierte Denken. Die drei einflussreichsten Persönlichkeiten der Antike sind Sokrates (um 470 - 399 v. Chr.), sein Schüler Platon (um 427- 347 n. Chr.) und Aristoteles (384 – 322 v. Chr.).
 
Sokrates kümmerte sich weniger um abstrakte metaphysische Erwägungen, sondern eher um praktische Fragen, etwa wie man sein Leben führen oder was ein rechtschaffenes Leben für einen Menschen überhaupt sein soll. Daher wird er oft als Erfinder des Ethik genannten philosophischen Zweigs gerühmt. Durch seinen Einfluss hat sich die Philosophie zur modernen Disziplin der fortgesetzten kritischen Reflexion entwickelt.
 
Platons umfassendes Gedankengebäude dreht sich um das Konzept, dass die Welt und ihre verschiedenen Erscheinungsformen nach einer „ universellen Idee“ geschaffen sind. Er sagt uns, die Welt der Erfahrung ist illusorisch, da nur das Unveränderliche und Ewige wirklich ist. Deswegen muss es ein Reich ewiger, unveränderlicher Formen geben, Urbilder für die flüchtigen Phänomene, so wie wir ihnen in unseren Sinneswahrnehmungen begegnen. Auf den Menschen bezogen bedeutet dies: obwohl es viele Menschen gibt, sind sie alle nach der universellen „Form des Menschen“ geschaffen. Der Einfluss dieser Idee auf das spätere christliche Denken, in dem der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist, ist nur eine der vielen Einflüsse Platons auf die christliche Theologie.
 
Aristoteles legte mehr als jeder andere Philosoph Wert auf exakte Beobachtung und strenge Klassifizierung von Daten. Aus diesem Grund wird er oft als der Vater der wissenschaftlichen Methodik angesehen. Das Besondere war, dass er sowohl die Meinung der Experten als auch der Laien in Betracht zog, bevor er seine eigenen Argumente ausführte. Er sah Wissenschaft nicht nur als theoretisches Wissen (episteme), sondern auch als angewandte Kunst (techne) und praktische Weisheit (phronesis) an. Kunst aus dem Blickwinkel des Lebens betrachten heißt, dass wissenschaftliche Arbeit einer tiefer gehenden Intention dient, also dem größeren evolutionären Ganzen. Wissenschaft aus der Sicht des Künstlers zu sehen heißt, wissenschaftliche Untersuchungen nicht nur auf das Objekt, sondern auch auf den kreativen Prozess der wissenschaftlichen Tätigkeit anzuwenden. Aus aristotelischer Sicht hieß das, die Grenzen von Wissenschaft so zu erweitern, dass sie die Weisheit (sophia) und die Quellen der Intention (nous) mit umfasst – das schöpferische Tätigwerden!
Die moderne Wissenschaft hat aufgezeigt, dass eine Trennung zwischen Objekt und Beobachter nicht möglich ist. „ Ich finde immer das, was ich suche“ und eine objektive Wissenschaft ist eine Illusion.
Aus meinem persönlichen Verständnis, baut die Praktische Pädagogik eine Brücke zwischen diesem alten und neuen Gedankengut. Sie bezieht in ihre Arbeit verschiedene Wissenschaften ein, indem sie z.B. die Erziehungswissenschaft nicht nur mit der Systemtheorie verbindet, sondern auch mit der Neurowissenschaft in Beziehung setzt, was bisher nicht üblich ist. Durch diese neuen Beziehungen öffnen sich neue Felder, sind neue Techniken, neue Kommunikationsmöglichkeiten gegeben. Sie lernt mit dem Lernenden in einer positiven und einfühlsamen Beziehung. Sie nimmt wahr, was der Lernende benötigt, damit er seiner Quelle, den tieferen Schichten seines Seins, dem Schöpfungsgeist angeschlossen ist oder bleibt; dass er Lust und Freude am Lernen, d. h. am Leben hat und erkennt, das Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Das sehe ich als den tieferen Sinn und das Wesen des Menschen an. Der Mensch soll so gebildet werden, dass er den Mut findet, sich und seinen Lebensweg bewusst zu gestalten. „Tue das, was du liebst und liebe das was du tust!“
 
Der japanische Philosoph Kitaro Nishida (1990, p. 174 f.) drückt es so aus:
„Wissen und Liebe sind die gleiche mentale Aktivität; um ein Ding zu kennen, müssen wir es lieben, um ein Ding lieben zu können, müssen wir es kennen.“ Und: Liebe „ist die Kraft, durch die wir die ultimative Realität begreifen. Liebe ist die reifste Form von Wissen um die Dinge.“
 
Die Ebene des „Was“ und des „Prozesses“ wendet sich hin zu den „Quellen“ dieser beiden Dimensionen, der Epistemologie (Annahme wie Wissen zu Stande kommt und der Ontologie (phil. Annahmen über das Sein). Die Quellen unseres menschlichen Wissens und Werdens ist die Sehnsucht nach Freiheit sich zu entwickeln und Zugehörigkeit.
 
Für das Verständnis unseres heutigen Bildungssystems sind für mich die geschichtsphilosophischen Betrachtungen von Karl Jaspers über die Achsenzeit von Bedeutung (wikepedia).
Dies ist die Zeitspanne von 800 bis 200 v. Chr., in der gleichzeitig in vier voneinander unabhängigen Kulturräumen die philosophischen und technischen Fortschritte gemacht wurden, die bis heute Grundlagen aller Zivilisationen sind. Nach Jaspers erfolgte in der Achsenzeit die geistige Grundlegung der gegenwärtigen Menschheit in Indien (Hinduismus und Buddismus), in China (Daoismus und Konfuzianismus), im alten Orient (talmudisches Judentum) und im antiken Griechenland die Philosophie. Sie brachte die Grundkategorien hervor, in denen der Mensch noch heute denkt, und damit den modernen Menschen überhaupt. Diesen Prozess bezeichnet er als einen Schritt ins Universale oder in die „Vergeistigung“, der eine Veränderung des gesamten Menschseins bewirkt hat.
 
Andere moderne Autoren charakterisieren diese dritte große Revolution des Altertums - nach der „neolithischen“ und der „städtischen“ – als Entwicklung „Vom Mythos zum Logos“ (z.B. Wilhelm Nestle), als „Die Entdeckung des Geistes“ (Bruno Snell), „Die Geburt des Logos“ (Arno Schmidt) oder, weil diese Umwälzung bei den Griechen untrennbar mit der Staatsform der Polis verbunden war, auch als „Die Entstehung des Politischen (Christian Meier).
Nur das Abendland kennt die Idee der politischen Freiheit, die im antiken Griechenland, nur vorübergehend und weitgehend auf die Polis Athens beschränkt, entstand. Demnach legte die antike Polis „den Grund allen abendländischen Freiheitsbewusstseins, sowohl in der Wirklichkeit der Freiheit wie des Freiheitsdenkens. China und Indien kannten in diesem politischen Sinne keine Freiheit“ (Lit : Jaspers, S. 88).
 
Das Abendland, die moderne Menschheit, verdankt aber der Antike nicht nur diese Freiheit griechischen Denkens und den Begriff und die Form der abendländischen Philosophie und Wissenschaft, sondern auch ein vorbildliches Bildungssystem.
Platon entwickelte das erste systematische Bildungsprogramm der europäischen Kultur. Dieser Schlüsselgedanke der griechischen Kultur von „Paideia“ d.h. von „Erziehung und Bildung“, der einerseits für die intellektuelle und ethische Erziehung und Bildung als Vorgang und andererseits für die Bildung als Besitz und Ergebnis des Erziehungsprozesses stand, lebte im römischen Reich weiter. Er wurde mit dem Begriff „humanitas“ ins lateinische übersetzt und es bildete sich die Vorstellung „von der Bildung des ganzen Menschen“, womit die abendländische Kultur die bis heute prägende humanistische Gestalt bekam. Sie zielte auf eine Bildung, in der Wissen und Tugend eine untrennbare, personenbezogene Einheit bildeten. Die einzelne Person wurde wahrgenommen und wertgeschätzt!
 
Das damals vorhandene ganzheitliche Menschenbild, die natürliche Einheit mit der Natur, welches das Objekt der Betrachtung und des Denkens war, ist in unserer modernen wissenschaftlich/analytisch ausgerichteten Welt verloren gegangen. Die westliche Welt ist geprägt durch die Körper/Geist Trennung, verursacht durch die Strukturen der kath. Kirche, die der maßgebliche Träger für die später Ausweitung des Bildungssystems verantwortlich war. Weiterhin hat die technische Welt uns Menschen wie eine Maschine in unendlich viele Einzelteile –Wissensteile/Wissenschaften zerlegt und die Aufmerksamkeit ist fast auschließlich auf äußerliche Dinge gerichtet.
 
Heute kommen die inneren Werte, die Ethik, kreative und schöpferische, seelische Prozesse in unserem Bildungswesen zu kurz, welches durch eine stark linienförmige Ausbildung geprägt ist. Wissen bleibt zu sehr im abstrakten Raum, ist dadurch nicht praktisch anwendbar. Es steht nicht in Beziehung mit Erfahrungen der eigenen Person, dem konkreten inneren Erlebnisraum und kann deswegen nicht praktisch mit anderem Wissen verknüpft werden. Die Praktische Pädagogik ist bemüht, das Wesen des ganzen Menschen und seine Geschichte wahrzunehmen. Sie sieht den Erziehungsprozess als einen aktiven, kooperativen Prozess, in dem man sich mit der Umwelt auseinandersetzt und Probleme löst. Die Selbststeuerung, die Willens- und Seelenkräfte der eigenen Person sollen sich entwickeln.
 
Von dem Menschenbild der Antike ausgehend, sind in unserem Bildungswesen grundsätzliche Erneuerungen, Reformen notwendig, aufbauend auf der Forderung „erkenne dich selbst“. Eine Wende nach innen – die Bildung von Innenraum und Tiefe steht an.
Plato war z.B. skeptisch gegenüber der sich herausbildenden Schrift eingestellt. Das Aufschreiben bleibt ein Abbild und führt nicht notgedrungener Weise zur Ein-sicht. Einsicht führt zur Erkenntnis und ist eine Sicht der Relativität, d.h. „viele machen das Gleiche und es wird niemals das Selbe sein.“
 
Wie wir aus den obigen Betrachtungen gesehen haben, ist seit der Antike die abendländische Kultur geprägt von dem Gedanken der Freiheit, die dem tiefen Wesen des Menschen entspricht und verwirklicht werden will. Diese Freiheit, auf verschiedenen Wegen aktiv individuelle Erfahrungen zu sammeln, die zum selbständigen Denken führen ist in unserem Bildungssystem zu stark eingeschränkt.
Die theoretische, sprachliche Vermittlung von Lehrstoff ist überhöht, die Basis, der Wurzelbereich, der Nährboden, das nicht Offensichtliche, erhält keine Aufmerksamkeit und es ist bezeichnend, dass unsere Kinder zunehmend „Aufmerksamkeits-defizitsymptome“ diagnostiziert bekommen. Wenn ich einem Baum die Erde nehme, kann keiner weiter wachsen. Es ist zwar nur ein Teil, den ich entziehe, doch es ist die Basis und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis er eingeht!
 
So bestimmt unsere Sichtweise, die Wahrnehmung unser Leben und wir können das erkennen in der aktuellen Fragestellung:
Was ist sinnvoller und am Ende wertvoller - eine Kultur, die das Kind, den Einzelnen, zu neuen Entwicklungsmöglichkeiten führt, zu seinem ganzen Wesen, wirtschaftlich gesehen dabei das Risiko einer Instabilität eingeht. Denn ein authentischer Mensch fühlt sich nicht leer und muss diese Leere nicht mit Konsumgütern füllen. Oder ist mein Ziel eine Kultur, die eine wirtschaftliche stabile Einheit anstrebt, an die sich der Einzelne anzupassen hat und die weiter wirtschaftliche Werte, wie Steigerung von Leistung, Konsum- und materiellen Gütern fordert. Der Einzelne wird dann weiter eher als Objekt, als Maschine gesehen, von der verlangt wird zu funktionieren und sich an die Gegebenheiten anzupassen hat oder er läuft Gefahr, aus dem gesellschaftlichen System heraus zu fallen. Der Nachteil bei dieser Variante ist der, dass die kreativen, innovativen Fähigkeiten, die für die Lösung unserer anstehenden Probleme lebensnotwendig sind, sich bei den Heranwachsenden nicht entwickeln können!
 
Es werden weltweit Situationen geschaffen, bzw. beibehalten, die der Entwicklung unserer Kinder und dem Leben an sich schaden: Boden- und Luftverschmutzung, Schadstoffen in Nahrung und Spielzeug, Fastfood, Pharmazeutika und Medikamente, um Symptome zu unterdrücken und damit die Kinder oder Alten ruhig gestellt werden, Erziehungspolitik, die auf quantitativer Erfolgsmessung basiert….
Das Ergebnis ist, dass sich der Einzelne mehr und mehr abzutrennen hat von seiner inneren Quelle, der inneren Wahrnehmung, seinen Gefühlen, von einem authentischen Sein. „Das nicht in sich sein“, das „Abwesendsein“ bedeutet, abgetrennt von seiner Quellenenergie zu sein. Nicht mehr in lebendiger Verbindung mit den tieferen Schichten seines Seins zu stehen bedeutet, krank zu sein. Immer mehr Systeme sind bedroht, stülpen sich um und kippen ins Zerstörerische! Die neue Volkskrankheit ist angekündigt: die Depression.
 
Es stellt sich die Frage: „Warum tun wir uns das an?“ „Was ist der nächste geistige Evolutionsschritt der Menschheit, der wieder, wie in der Achsenzeit, eine Veränderung des gesamten Menschseins bewirkt?“ Auf was haben wir uns zu be-sinnen?
Was muss passieren, dass die Tiefe, das Verborgene geborgen wird? Folgen wir dem Polaritätsgedanken, so ist es unmöglich ins Licht zu gehen, ohne unserem eigenen Schatten zu begegnen!
 
Somit sind wir wieder auf die tieferen philosophischen Annahmen über das Sein und das Wissen zurückgeworfen.
Das Kapital des 21. Jahrhunderts soll das „Wissen“ sein und nicht mehr der Besitz von materiellen Gütern und Geld! Der Weg des Menschen führt eindeutig weiter ins Geistige.
Finden wir den GEIST, der allen Menschen und allen Kulturen gemeinsam ist?